Auf der Heimreise von Paris fuhr ich den Rhein hinab, ich wußte, daß in einer der Städte dort der Dichter Freiligrath wohnte, dem der König von Preußen damals eine Pension ausgesetzt hatte. Das Malende in seinen Gedichten hatte mich lebhaft berührt, und ich wünschte sehnlichst ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen und zu sprechen, ich machte daher in einigen rheinischen Städten halt und fragte nach ihm. In Sankt Goar zeigte man mir ein Haus, von dem man mir sagte, daß er darin wohne. Ich trat ein. Er saß an seinem Schreibtisch und schien unzufrieden zu sein, von einem Fremden gestört zu werden. Ich nannte meinen Namen nicht, sondern sagte nur, daß ich an Sankt Goar nicht hätte vorüberfahren können, ohne den Dichter Freitigrath zu begrüßen.
"Das ist sehr freundlich von Ihnen", sagte er in einem etwas kalten Ton, fragte, wer ich sei; als ich ihm antwortete: "Wir haben beide einen gemeinsamen Freund, „Chamisso!" sprang er auf und jubelte: "Andersen! sind Sie es?" Er flog mir um den Hals, und seine ehrlichen Augen leuchteten. "Bleiben Sie einige Tage bei uns!" sagte er. Ich erklärte, daß ich nur zwei Stunden bleiben könnte, weil ich mich in Gesellschaft von Landsleuten befände, die weiterreisen wollten. "Sie. haben viele Freunde in dem kleinen Sankt Goar", sagte er. "Ich habe hier kürzlich in einem größeren Kreise Ihren Roman "0 Z" vorgelesen. Einen der Freunde muß ich aber doch herbeiholen, und meine Frau, müssen Sie sehen. ja, Sie wissen sicherlich nicht, daß Sie schuld an unserer Verheiratung sind!" Und dann erzählte er, daß mein Roman "Nur ein Spielmann" sie in Briefwechsel gebracht habe, und wie sie dann schließlich Mann und Frau geworden seien. Er rief sie herbei, nannte meinen Namen, und ich war wie ein alter Freund in ihrem Haus. Bevor wir uns trennten, holte er ein Manuskript hervor. "Es war für Sie bestimmt, ehe wir uns gesehen haben", sagte er, "ich hörte damals, daß Sie sich auf Reisen befänden, und ich wollte es Ihnen schicken, aber es tauchten Hindernisse auf, und das Gedicht blieb liegen." Er nahm ein Stück Papier und schrieb darauf:
Erste Strophe eines unvollendeten Gedichts an H. C. Andersen, als er Ende 1840 seine Reise nach dem Orient antrat.
St. Goar, 18. Mai 1843
F. Freiligrath
Du bist gewiß den Störchen nachgezogen;
daß du sie liebst, ich wußt' es lange schon.
Sie schwirrten auf, sie sind davongeflogen.
Auf und davon - das ist ein lust'ger Ton!
Du sahst empor: die weißen Federn wallten;
sie blitzten flüchtig in der Sonne Strahl;
da stand es fest! "Was lass' ich hier mich halten?
Fort nach dem Süden wiederum einmal!"
In Bonn, wo ich übernachtete, besuchte ich am
nächsten Morgen den alten Moritz Arndt, der uns Dänen später "so
grimmigt" gesinnt war. Ich kannte ihn damals als den Dichter des schönen,
kräftigen Liedes: "Was ist des Deutschen Vaterland?"
Ich traf einen kräftigen, rotwangigen Greis mit silberweißem Haar, er sprach
schwedisch mit mir; die schwedische Sprache hatte er gelernt, als er als
Flüchtling vor Napoleon Schwedens Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Jugend und
Forschheit waren die Kennzeichen des alten Mannes. Ich war ihm nicht unbekannt,
und es schien mir, als verleihe ihm meine Abstammung aus den skandinavischen
Ländern ein größeres Interesse für mich. Im Laufe der Unterhaltung wurde ein
Fremder gemeldet, keiner von uns verstand den Namen ganz richtig. Es war ein
junger, schöner Mann mit einem sonnengebräunten, kühn dreinschauenden
Gesicht. Er setzte sich still gleich in die Nähe der Tür, und erst als Arndt
mich hinausbegleitete und der junge Mann sich erhob, rief der Alte erfreut aus:
"Emanuel Geibel!" Ja, er war es, der junge Dichter aus Lübeck, dessen
frische, herzliche Gesänge in kurzer Zeit durch die deutschen Lande erklangen
und dem auch der König von Preußen eine Art Pension wie Freiligrath verliehen
hatte. Zu ihm, nach Sankt Goar wollte just Geibel, um dort mehrere Monate zu
verbringen. Begreiflicherweise konnte ich nun nicht sofort weggehen, eine neue
Dichterbekanntschaft wurde geschlossen. Geibel war schön, kraftvoll und frisch,
so wie er dastand neben dem kerngesunden Dichtergreis, so auch sah ich die
beiden, die junge und die alte, aber gleich frische Poesie!
Es wurde Rheinwein aus dem Keller geholt, grüner Waldmeister schwamm darin, es
war der Maitrank, und zum Mai, zum Preise des Lenzes, gab mir der alte Skalde
einen Vers mit auf den Weg:
Drum mein Lenz, sollst du nicht schweigen,
klinge: Mai, mit Freudenschall!
Kling mit Pfeifen, Flöten, Geigen,
Kuckuck, Lerch' und Nachtigall!
Deutschlands Frühling, er wird kommen!
Für die Welschen klingt’s schaß ab!
Allen Guten, Tapfern, Frommen,
leg’ ich diesen Wunsch auf’s Grab!
Mit diesem meinem letzten Vers grabe ich einen frommen, kindlichen, nordischen Mann meine Erinnerung ein.
Bonn, 19. Mai 1843
E. M. Arndt aus Rügen