1. "Mer gehn net ehnter ham bis mer et schriftlich
hoh" -
Eine fachwissenschaftliche Analyse zur Revolution von 1848
im Herzogtum Nassau
Die Revolution von 1848/49 ist ein Thema, dem besonders in diesem Jahr zu ihrer 150-Jahr-Feier erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wird. Dementsprechend zahlreich sind auch die in den letzten Jahren erschienen Publikationen.
Auch in dem recht unbedeutenden, kleinen, von der Landwirtschaft geprägten Herzogtum Nassau meldeten sich Interessenverbände zu Wort, die eine Veränderung der bestehenden Ordnung anstrebten. Neben der in ganz Deutschland herrschenden Hungersnot und anderen wirtschaftlichen Missständen führten auch gewisse politische Umstände zu einer steigenden Unzufriedenheit der Bevölkerung in Nassau. Zwar hatte Nassau bereits seit 1814 eine Verfassung, welche Pressefreiheit, das freie Versammlungsrecht und Religionsfreiheit gewährleistete, aber die Politik der Restauration schränkte diese Freiheiten enorm ein. Zusätzlich litt die ländliche Bevölkerung unter hohen Zehntabgaben und dem fehlenden Mitspracherecht in den Gemeinden. Ein weiterer Streitpunkt war die Domänenfrage: Handelte es sich hierbei um Staatseigentum oder um Privatbesitz des Herzogs? Auch das übliche Zweikammersystem des Landtags wurde kritisiert, da die gewählten Volksvertreter in der Deputiertenkammer keine Mehrheit bildeten und somit nicht beschlussfähig waren. Außerdem forderte man eine allgemeine Volksbewaffnung und die Vereidigung des Militärs auf die Verfassung, damit gewährleistet wurde, dass das Militär im Interesse der Bevölkerung handelt und nicht ein Instrument der herzoglichen Machtpolitik ist.
Motiviert durch den Kampf des französischen Volks, das sich am 24. Februar erneut in Paris erhob, den Bürgerkönig absetzte und die Republik ausrief, regten sich in ganz Deutschland revolutionäre Kräfte. Den ersten Schritt im Herzogtum Nassau machte das liberale Bürgertum in der Landeshauptstadt Wiesbaden. Hier trafen sich bereits am 1.März 1848 im Hotel "Vier Jahreszeiten" liberale Bürger, die unter der Führung des Abgeordneten der Deputiertenkammer August Hergenhahn ihre Forderungen an die Regierung formulierten. Diesen Personen lag jedoch weniger daran, die Monarchie abzuschaffen und die Revolution auszurufen. Ihre Ziele waren weitreichende Reformen, um den Staat nach freiheitlichen Grundsätzen zu modernisieren. Dementsprechend sind ihre Forderungen geprägt. Viele Missstände, die besonders für die arme Landbevölkerung erdrückend waren (z.B. hohe Zehntabgaben, Verbot des Forst- und Jagdrechts, fehlendes Mitspracherecht in den Gemeinden), fehlen deshalb auch in den Ausführungen.
Am 2. März verkündete Hergenhahn die aufgestellten Forderungen öffentlich vor ca. 4000 Bürgern. Ferner wurde zur allgemeinen Volksversammlung aller Nassauer am 4. März aufgerufen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Der Herzog hielt sich zu dieser Zeit in Berlin auf.
Wie dringend eine Veränderung des Bestehenden von vielen Nassauern gefordert wurde, zeigt der Massenansturm, der auf Wiesbaden am 3. und 4. März erfolgte: Aus allen Regionen reisten Menschen, vor allem Bauern und Handwerker an, um sich zur Volksversammlung einzufinden. Wiesbaden, damals eine Stadt mit 14.000 Einwohnern, wurde von 30.000 Nassauern besucht, welche vor dem Schloss des Herzogs auf die Genehmigung ihrer Forderungen drängten: Die Massen waren mobilisiert worden!
Geschickt versuchte Hergenhahn mit einigen Vertretern, die revolutionären Kräfte der Bevölkerung zu besänftigen und führte Verhandlungen mit dem Staatsminister von Dungern, der in seinem Namen die Forderungen anerkannte. Doch die Volksmenge ließ sich nicht beruhigen, sodass die Stimmung weiterhin angespannt blieb.
Der Herzog eilte nach Nassau und wurde dort unter Jubel begrüßt. Vom Balkon aus verkündete er, alle gestellten Forderungen zu genehmigen. Die Massen waren jedoch erst dann beruhigt, als am 5. März dieses Versprechen schriftlich vom Herzog bestätigt wurde. "Die Revolution schien, kaum dass sie begonnen, bereits am Ziel zu sein."
Anders als in anderen deutschen Bundesstaaten kam es in Nassau zu keinen blutigen Kämpfen. Außer einem Aufbegehren der Republikaner im Juli 1848, zu dessen Niederschlagung Bundestruppen aus Mainz anrückten, blieb es auch in der Hauptstadt verhältnismäßig ruhig. Der Herzog wusste geschickt das Volk zu lenken und kooperierte mit dem liberalen Bürgertum, das auf Reformen im Einklang mit dem Herzog drängte.
Der erste Monat nach der Genehmigung der Forderungen war von ersten politischen Erfolgen, z.B. der Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts, der Auflösung des Zweikammersystems sowie der Garantie von Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit, geprägt. Dies führte unter anderem zu einem wahren Zeitungsboom und dem explosionsartigen Anstieg von Vereinsgründungen.
Auf der anderen Seite hatte die revolutionäre Atmosphäre eine gewisse Desorientierung zur Folge, die sich vor allem bei der politisch schlecht informierten Landbevölkerung zeigte, die hauptsächlich auf die Verbesserung ihrer wirtschaftlich drückenden Lage hinarbeitete und mit Gewalt Förster und Schultheiße verjagte. Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, wurde bereits in den ersten Revolutionstagen auf Initiative der Liberalen ein Sicherheitscomité gegründet. Bürger kontrollierten sich nun quasi selbst und sorgten dafür, dass Unruhen rechtzeitig unterdrückt wurden. Das herzogliche Militär musste daher größtenteils nicht mehr eingreifen, da dies nun die Bürgerwehr selbst erledigte. Auch hier wird deutlich, dass das Gros der nassauischen Bevölkerung durchaus den herzoglichen Staat, sofern Reformen eingeleitet wurden, mittrug.
Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage durch die Erleichterung der Zehntablösung und einer positiven Preisentwicklung sowie der Gewährleistung des Mitspracherechts innerhalb der Gemeinde war auch die ländliche Bevölkerung zufriedengestellt. Dadurch "verschwand zugleich das wichtigste revolutionäre Potential, das es im Herzogtum überhaupt gegeben hat."
Schon 1849 kamen in Nassau, wie in anderen deutschen Ländern, die revolutionären Kräfte zum Erlahmen. Durch das Edikt vom 27. September 1851, das sich auf den Beschluss der Bundesversammlung vom 23. August 1851 bezieht, hob Herzog Adolph im Herzogtum Nassau die von der Nationalversammlung beschlossenen "Grundrechte des deutschen Volkes" auf. Presse- und Versammlungsfreiheit wurde erheblich eingeschränkt und das Zweikammersystem im Landtag wieder eingeführt. Hergenhahn legte bereits am 7. Juni 1849 sein Amt nieder. Die Nachfolge trat der reaktionäre Freiherr Friedrich von Wintzingerode an. Die Reaktion hatte auch in Nassau gesiegt.
weiterführende Literatur zur Revolution von 1848 im Herzogtum Nassau