4. Die Revolution von 1848 im Herzogtum Nassau - "Praktisches Lernen" unter lokalhistorischen Aspekten in der 9. Jahrgangsstufe:
Vorstellung der Unterrichtsreihe

4.1. Aufbau und Zielsetzung

Die Revolution von 1848 ist ein Thema, das aus fachwissenschaftlicher Sicht für unsere heutige bürgerliche Gesellschaft nach wie vor eine tragende Rolle spielt. Das Aufbegehren der Bevölkerung in ganz Europa gegenüber der bestehenden Ordnung, der Wunsch nach der Durchsetzung von freiheitlich-bürgerlichen Rechten und das Streben der Deutschen nach der lang ersehnten Einheit zeigen, dass unsere heutige Welt das Resultat von historischen Prozessen ist, welche von handelnden Menschen in Bewegung gesetzt wurden.

Im Lehrplan für Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz nimmt die Revolution von 1848 nur eine sehr kleine Rolle ein. Der Stoffbereich 13 schlägt zur Behandlung der Restauration u n d der Revolution sechs Stunden vor. Kann also unter diesen Voraussetzungen eine Unterrichtsreihe gerechtfertigt sein, die allein für die Behandlung der Revolution von 1848/49 eine Dauer von 10 Stunden vorsieht? Meines Erachtens ist dies durchaus vertretbar. Innerhalb dieser Unterrichtsreihe werden die Schüler mit gesellschaftlichen Strukturen und Konflikten vertraut, die auch auf andere historische Themen des Lehrplans übertragbar sind. Die Relevanz der Revolution von 1848/49 für unsere demokratische Gesellschaft ist unumstritten. Um unsere Zeit verstehen zu können, ist es notwendig, deren Wurzeln aufzuzeigen. Überall dort, wo Menschen um ihre Rechte kämpfen, treten ähnliche Konfliktsituationen wie in der Revolutionszeit von 1848/49 auf. Die Unterrichtsreihe hat somit einen exemplarischen Charakter, der Fenster zu anderen historischen und allgemein-gesellschaftspolitischen Prozessen öffnet. Genau dies ist auch die Zielsetzung der "rechten Seite" des Lehrplans, welche den historischen Prozess durch die Zeitlupe betrachtet.

Wie bereits festgestellt wurde, bietet die Lokalgeschichte für Schüler einen guten Zugang zur Veranschaulichung dieser Prozesse. Daher entschied ich mich, das Thema ausgehend von den Geschehnissen in der Region zu beleuchten. Was ereignete sich in diesen stürmischen Monaten im Herzogtum Nassau und somit auch in Nastätten? Kam es auch hier zu revolutionären Aktionen? Diesen Fragen galt es nachzugehen. Auch der regionalgeschichtliche Ansatz spricht die "rechte Seite" des Lehrplans an. Das Einbeziehen von regionalen "Schauplätzen", zu denen sowohl Baudenkmäler als auch Dokumente aus der jeweiligen Epoche zählen, aber auch die Veranschaulichung von existentiellen Erfahrungen, in denen die Schüler den Menschen in Entscheidungs- und Konfliktsituationen betrachten und dessen Handlungsweisen zu verstehen versuchen, ist Bestandteil dieser "rechten Seite".

Trotz dieser regionalgeschichtlichen "Zeitlupe" wurde jedoch ganz automatisch auch der universalgeschichtliche Aspekt nicht ausgeklammert: Die Februarrevolution in Frankreich war der Auslöser für das Aufbegehren der Bevölkerung in Nassau und spätestens bei der Abgeordnetenwahl der Nassauer für die Nationalversammlung in Frankfurt wird wiederum eine Brücke zu außerhalb vom Herzogtum Nassau stattfindenden Ereignissen geschlagen. Bei dieser Phase der Unterrichtseinheit, welche die Basis des Grundwissens bilden soll, ist es jedoch notwendig, dass die Schüler nicht nur mit der Vermittlung von Fakten vertraut werden, sondern selbst den Weg der Nassauer beschreiten und somit aktiv in deren Rolle schlüpfen. So wird eine Identifikation möglich, die jeden Schüler individuell an Entscheidungs- und Erfahrungsprozessen teilnehmen lässt. Dies führt zwangsläufig zur Entwicklung von eigenen Fragestellungen zu der entsprechenden historischen Situation, denn "alles Praktische Lernen erwächst aus theoriegeleitetem Handeln. Aus Erfahrungen müssen "Lehren" gezogen werden, damit das Erfahrung-machen fruchtbar werden kann... Nur wer schon etwas weiß und kennt, kann durch Erfahrung sein Wissen ergänzen, korrigieren und präzisieren."

Die Fragestellungen bieten den Anlass zur eigenen Recherche. Nun beginnt das eigentliche "Praktische Lernen". In einer Revolutionszeitung anlässlich des Jahrestages der Genehmigung der "Neun Forderungen der Nassauer" am 04. April 1849 sollen die Geschehnisse im Herzogtum Nassau, aber auch die Lebenswelt der Bevölkerung näher beleuchtet werden. Dabei ist es wichtig, dass die Schüler eigenständig Schwerpunkte setzen, diese individuell bearbeiten und gestalten. Sie selbst werden zu Reportern, Journalisten und Historikern, durchstöbern Literatur und suchen ein Archiv auf. Die Arbeit im Archiv bildet einen zentralen Punkt innerhalb der Unterrichtseinheit und wird daher noch genauer im Laufe dieser Arbeit beleuchtet. Hier erlernen die Schüler neue Techniken und Möglichkeiten der Recherche, lernen Originaldokumente kennen und können in die Revolutionszeit "eintauchen". Spurensuche ist hier auf besondere Art möglich. In der Arbeit mit und an Originaldokumenten "erkennen die Schüler, indem sie aus der Fülle des Vorgefundenen Auswahlen treffen (müssen), die Geschichte, wie sie ihnen zur Geschichtserzählung geronnen im Lehrbuch entgegentritt, als vom Menschen rekonstruiert. Vor allem aber: Große, welthistorische Ereignisse schrumpfen auf ein be-greif-bares und er-fahr-bares Maß."

Die Herstellung der Revolutionszeitung führt dazu, dass sich die Schüler intensiv mit der Revolution und den Menschen in dieser Zeit auseinandersetzen und somit diese direkt erfahren und beurteilen.

Umso größer ist der Schockmoment bei der Konfrontation mit der Tatsache, dass die Revolution letztendlich scheiterte. Den Schülern wird bewusst, dass hier Träume, Wünsche und Hoffnungen von handelnden Menschen enttäuscht wurden - Geschichte wird erlebbar!

Didaktischer Aufbau der Unterrichtseinheit

 

10. Stunde Konfrontation mit dem Scheitern
der Revolution
     
   

SCHOCKMOMENT

     
7.-9. Stunde  

Recherche

und
Produktionsphase
zur Steigerung der Identifikation

  Erfahren der geesellschaftlichen Bedeutung durch eigenes Tätigsein
 

Entwickeln von Fragestellungen

   
       
1.- 5. Stunde  

Basis des Grundwissens

     

universalgeschichtlicher
Aspekt

regionalgeschichtlicher
Aspekt

 

 

Der Aufbau und die Konzeption des "Praktischen Lernens" zeigen, dass das eigentliche "Praktische Lernen" nur funktionieren kann, wenn es auf einem festen fachlichen Grundwissen basiert. Nur dann sind die Schüler in der Lage, den Sinngehalt der Archivalien zu ergründen und eigene Recherchen zu ihren Schwerpunkten durchzuführen. Daher gliedern sich auch die Lernziele in zwei Hauptbereiche:

Beide Aspekte bedingen sich jedoch gegenseitig: Die fachspezifischen Lernziele ermöglichen dem Schüler, auf einem festen fachlichen Fundament eigene Fragen mithilfe der Recherche lösen zu können. Die Erfahrung und praktische Umsetzung der Recherche lässt widerum den Schüler mit einem geschärften Blick die rein fachliche Ebene beleuchten. Kein Bereich kann daher isoliert betrachtet werden.

Fachspezifische Lernziele der Unterrichtsreihe

Die Schüler sollen

  • Ursachen und Auslöser für die Revolution im Herzogtum Nassau erkennen.
  • die "Neun Forderungen der Nassauer" als Kernstück der revolutionären Bewegung betrachten und analysieren.
  • ausgehend von der Forderung der Nassauer nach einem Deutschen Parlament
  • die Arbeit der Frankfurter Nationalversammlung kritisch beleuchten.
  • hinterfragen, welche Gründe für das Scheitern der Revolution ausschlaggebend
  • waren.

Lernziele der Unterrichtsreihe unter dem Gesichtspunkt des "Praktischen Lernens":

Die Schüler sollen

  • mit den Möglichkeiten und den Arbeitstechniken der Recherche im Archiv
  • vertraut werden und eigenständige Recherche in ihrem redaktionellen Themengebiet betreiben.
  • ausgehend von einem fundierten Grundwisssen eine Revolutionszeitung erstellen.
  • sich mithilfe der praktischen und kreativen Umsetzung des Erarbeiteten intensiv mit den Menschen und ihrer Zeit auseinandersetzen.
  • die Bedeutung der freien Presse als "Sprachrohr der Öffentlichkeit" erkennen.

Grobgliederung der Unterrichtsreihe: Die Revolution von 1848 im Herzogtum Nassau

1. u. 2. Stunde:Die Nassauer wehren sich!

Der "Vormärz" im Herzogtum Nassau

Themenschwerpunkte:

 

3. Stunde: Waren die "Neun Forderungen der Nassauer" wirklich Forderungen aller Nassauer?

Themenschwerpunkte:

 

4.Stunde: Der 4. März 1848 - Die Nassauer setzen ihre Forderungen durch

Themenschwerpunkte:

 

5. Stunde: Die Frankfurter Nationalversammlung - Ein Weg zur Deutschen Einheit?

Themenschwerpunkte:

 

 

6.-9. Stunde: "Praktisches Lernen" unter lokalhistorischen Aspekten:
Wir erstellen eine Revolutionszeitung anlässlich des einjährigen
Jubiläums der Bewilligung der "Neun Forderungen der Nassauer"

Themenschwerpunkte:

 

10. Stunde: Das Scheitern der Frankfurter Nationalversammlung

Themenschwerpunkte: