4.2.1. Erste und zweite Stunde: Die Nassauer wehren sich - Der "Vormärz" 1848 im Herzogtum Nassau
Groblernziel:
Die Schüler sollen die Gründe für das Aufbegehren der Bevölkerung in Nassau
im Frühjahr 1848 und die verschiedenen
politischen bzw. wirtschaftlichen
Interessen von Bauern und liberalen Bürgern erkennen können.
Feinlernziele:
Die Schüler sollen
Didaktische Analyse
Das Thema der Doppelstunde steht unter dem leitenden Aspekt "Der Konflikt zwischen den Ordnungsvorstellungen des Obrigkeitsstaates und dem politischen Bewussts
ein des Bürgers". Da bereits in den letzten beiden Stunden der Freiheits- und Einheitswunsch des deutschen Volks während des Hambacher Festes und die Reaktion der Obrigkeit, die dieses Bestreben radikal durch staatliche Zwangsmaßnahmen unterdrücken wollte, behandelt wurde, blieb die Frage der Schüler offen, wie sich die Bevölkerung daraufhin verhalten hat. Diese Fragestellung spannte den Bogen zu dem folgenden Thema, das exemplarisch am Herzogtum Nassau aufzeigen soll, auf welche Weise die Auseinandersetzung zwischen Obrigkeit und Bevölkerung weitergeführt wurde.
Den Schülern soll in dieser Doppelstunde deutlich werden, dass bestimmte Missstände zur Unzufriedenheit der Bevölkerung führten, die sich in der Auflehnung gegen die Obrigkeit und das bestehende System Luft verschaffte. Hier ist es jedoch von Bedeutung, die unterschiedlichen Interessen der einzelnen Bevölkerungsschichten zu betrachten. Das Volk bestand nicht aus einer homogenen Masse, sondern aus unterschiedlichen Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen. Daher erschien es mir wichtig, die Schüler mit zwei Hauptgruppen der Bevölkerung in Nassau vertraut zu machen: dem liberalen Bürgertum und den Bauern. An ihnen wird besonders deutlich, wie unterschiedlich die politischen und wirtschaftlichen Forderungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten in Nassau gelagert waren. Beide Gruppierungen hatten verschiedene Erwartungshaltungen an die revolutionäre Bewegung. Diese differenzierte Sichtweise, welche an die Lebenssituation und das individuelle Empfinden des Einzelnen gebunden ist, gilt es den Schülern in dieser Doppelstunde bewusst zu machen.
Methodische Analyse
Der Einstieg in das Thema erfolgt anhand einer Tonbandaufnahme, das ein Gespräch zwischen dem Schultheiß, einem Kaufmann und einem Bauern in Nastätten, welches am 02. März 1848 stattfindet, wiedergibt. Der dialogische Text wurde von mir selbst verfasst.
In dem Gespräch werden die Missstände, die zu dieser Zeit im Herzogtum existierten, aus der Sicht des Bauern angedeutet. Der Kaufmann berichtet von den Ereignissen in Wiesbaden und von den Bestrebungen einzelner liberaler Bürger, am 04. März 1848 zu einer Volksversammlung in der Hauptstadt aufzurufen, um die von ihnen aufgestellten "Neun Forderungen der Nassauer" an den Herzog zu überbringen. Der Schultheiß tritt während des Gesprächs nur kurz in Erscheinung. Er repräsentiert letztendlich den Obrigkeitsstaat, der sämtliche freiheitlichen Bestrebungen strikt ablehnt.
Das Gespräch bietet Anlass zu konkreten Fragestellungen. Von welcher Hauptstadt ist hier die Rede (Wiesbaden wird nicht genannt)? Welches Gebiet umfasst das Herzogtum Nassau überhaupt? Was versteht man unter "liberal"? Welche Punkte könnten die "Neun Forderungen" beinhalten? Werden viele Nassauer dem Aufruf der Liberalen folgen? Was wird in den nächsten Tagen geschehen?
Ausgehend von den Fragestellungen der Schüler werden zuerst die Frage nach dem Gebiet und der Hauptstadt des Herzogtums Nassau mithilfe von Zusatzmaterialien (Karte, Katalog der Ausstellung) beantwortet. Hierbei soll den Schülern deutlich werden, dass sich Geschichte in Zeit und Raum abspielt. Anhand der Karten wird ersichtlich, wie die Grenzen des Herzogtums Nassau verliefen und dass es zu den kleinsten Ländern des Deutschen Bundes zählte. Ferner werden unbekannte Begriffe (z.B. "liberal", "Domänen") geklärt.
Im Anschluss daran sollen die Ursachen für die Unzufriedenheit der Bevölkerung genau analysiert werden. Dazu dienen von mir verfasste "Schlagzeilen", die aus dieser Zeit stammen könnten und die an der Tafel befestigt werden. Aufgabe der Schüler ist es nun herauszufinden, welchen übergeordneten Bereichen diese zuzuordnen wären: Die einzelnen Schlagzeilen lassen sich in politische Missstände und wirtschaftliche Missstände gliedern. Nach erfolgter Zuordnung und Erläuterung wird darauf hingewiesen, dass diese Zustände zur Aufstellung der "Neun Forderungen der Nassauer" führten. Wie diese jedoch lauteten, ist den Schülern noch unbekannt. In Kleingruppen sollen sie nun ihre eigenen Forderungen aufstellen. Dazu werden drei Gruppen eingeteilt, die aus der Sicht der Bauern ihre Forderungen formulieren, während drei andere Gruppen die Forderungen aus der Sicht des wohlhabenden Bürgertums verfassen. Durch diese Arbeitsmethode entsteht für die Schüler eine Identifikationsmöglichkeit, sodass sie den Menschen in seiner Zeit mit seinen Bedürfnissen und Nöten besser verstehen können. Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen werden auf Plakaten stichpunktartig festgehalten. Gegen Ende der Doppelstunde findet die Vorstellung der Forderungen statt. Hierbei sollte festgestellt werden, dass die liberalen Bürger andere Schwerpunkte als die Bauern setzen. Im Unterrichtsgespräch wird der Frage nachgegangen, welche Umstände letztendlich zu diesen verschiedenen Interessenvertretungen führten.
Der Frage, ob die tatsächlich aufgestellten "Neun Forderungen der Nassauer" sowohl die Interessen der Bauern als auch die der Bürger wiedergeben und welchen Weg nun die Bevölkerung geht, um ihre Forderungen durchzusetzen, gilt es in den Folgestunden nachzugehen.
Geplanter Verlauf der Stunde
| Phase | Inhalt | Methode | Medien |
| I. Einstieg | Wirtschaftliche und politische Situation im Herzogtum Nassau vor der Massenerhebung | Präsentation
eines Gesprächs zwischen einem Nastätter Kaufmann, der
aus der Hauptstadt angereist kommt, dem Schultheiß und
einem Nastätter Bauern . (Tonbandaufnahme) Frageentwicklungen der Schüler - Um welche Miss-stände handelt es sich? (Unterrichtsgespräch) |
Tonband/Recorder |
| II. Erarbeitung | Missstände
im Herzogtum Nassau im Frühjahr 1848: politisch: - kein Mitspracherecht - keine Presse- und Versammlungsfreiheit - kein öffentliches Schwurgericht wirtschaftlich: - hohe Zehntabgaben - Domänengewinne fließen in die Kasse des Herzogs - Preissteigerung durch Missernte - kein Waldnutzungs- recht der Bevölkerung |
Ermittlung
des betroffenen Landes und dessen Hauptstadt mithilfe von
Kartenmaterial und Daten (Stillarbeit, Unterrichtsgespräch) Analyse der Missstände anhand von Schlagzeilen (Stillarbeit) Gemeinsames Erstellen eines Tafelbildes (Unterrichtsgespräch) |
Karten Pappschilder mit Schlagzeilen Ordner |
| III. Vertiefung | Wie könnten die "Neun Forderungen der Nassauer" aus der Sicht der Bauern bzw. des liberalen Bürgertums lauten? | Transferleistung
der Schüler: Eigene Formulierung der mutmaßlichen "Neun Forderungen der Nassauer" aus der Sicht der Bauern bzw. des liberalen Bürgertums in Gruppen und Präsentation der Ergebnisse (Gruppenarbeit) |
Plakat |