Die Brücke von Remagen

Auch der deutsche Offizier, der für die Brückensicherung verantwortlich war, Hauptmann Willi Bratge, saß am Telefon. Er versuchte, Verstärkung heranzukriegen. Auf dem Papier verfügte er über mehr als 1000 Mann: 500 Volkssturmleute, 180 Hitlerjungen, 120 russische Freiwillige, etwa 220 Flaksoldaten und seine eigene Kompanie - 36 Mann.
Er wußte, daß er sich im Ernstfall allein auf seine eigenen 36 Männer verlassen konnte, und das waren durchweg Rekonvaleszenten. Von seinen Volkssturrnleuten waren ihm ganze sechs geblieben; und was die Flaksoldaten betraf - die Bedienungen der Geschütze auf dem Erpeler Ley, der sich direkt am östlichen Ende der Brücke mehr als 30 Meter hoch erhob-, so waren die meisten bereits auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Er hatte versucht, auf den westlichen Zufahrten zur Brücke einfache Baumsperren zu errichten, aber die erboste Bevölkerung hatte sich gewehrt und sich auf einen alten Erlaß berufen, der das Fällen auch nur eines einzigen kostbaren deutschen Baumes untersagte. Und Bratges Vorgesetzte hatten sich geweigert einzugreifen.
Jetzt saß Bratge am Telefon und erklärte einem Leutnant May in Models Hauptquartier, daß man in viertägiger Arbeit eines der Geleise mit Planken abgedeckt habe; die Ludendorff-Brücke sei jetzt soweit hergerichtet, daß sie von Fahrzeugen benutzt werden könne. Dann bat Bratge dringend um Verstärkung; die Amerikaner seien inzwischen so dicht herangekommen, daß er das Panzerfeuer deutlich hören könne.
»Die Amerikaner kommen nicht nach Remagen«, konstatierte Leutnant May, und gab damit Models Ansicht wieder. Das Ziel der Amerikaner sei Bonn. Das Panzerfeuer, das Bratge gehört hatte, habe nichts zu bedeuten; bestimmt stamme es von einer kleinen Einheit, die als Flankendeckung eingesetzt sei.
»Ich bin schon lange Soldat«, erwiderte Bratge. Er hatte in Polen, Frankreich, Rußland und Rumänien gekämpft. »Das ist kein kleiner, sondern ein starker Verband.«
Enttäuscht legte er den Hörer auf. Er ging nach draußen und tastete sich durch dichten Nebel zum westlichen Ende der Brücke. Dort stieß er auf Hauptmann Karl Friesenhahn, der die 120 Pioniere befehligte, die die Brücke im letzten Moment zerstören sollten. Friesenhahn machte Bratge Vorwürfe, weil dieser fast seine gesamte Sicherungskompanie von 36 Mann zum Viktoriaberg, dem Hügel unmittelbar westlich von Remagen, geschickt hatte. Warum er diese Leute nicht hiergelassen habe, damit sie die Brücke schützen konnten? Bratge wurde wütend - seine Männer säßen dort, damit sie das Herannahen der Amerikaner melden könnten; und das sei nötig, damit Frisenhahn und seine Pioniere Zeit hätten, die Brücke zu sprengen.
Hitzfeld, dem es nicht gelungen war, die 100 Kilometer breite Lücke zu schließen, durch die Leonards Division vorstieß, hatte eben eine zusätzliche Aufgabe erhalten: die Verteidigung der Ludendorff-Brücke. Er ließ seinen Adjutanten, Major Hans Scheller, kommen, den er für einen tüchtigen und vorsichtigen Offizier hielt. Scheller schien ihm der richtige Mann, um eine derart kritische Situation zu meistern. Hitzfeld befahl dem Major, das Kommando über alle Verbände an der Brücke zu übernehmen und sich um die letzten Vorbereitungen für die Sprengung zu kümmern.
Scheller war begeistert. »Machen Sie den Wagen fertig«, befahl er seiner Ordonnanz. »Das bringt mindestens das Ritterkreuz ein!«
....
Seit Tagesanbruch waren deutsche Fahrzeuge über die Brücke gerollt, und jedes war von Bratge überprüft worden. Jetzt, am Vormittag, war der Hauptmann einigermaßen erschöpft und schlechter Laune. Er zündete sich eine Zigarette an und sah zu, wie Flak auf die Zufahrten zur Brücke gezogen wurde. Die Kanonen, die oben am Erpeler Ley gestanden hatten, waren nach Koblenz gebracht worden; sie sollten Patton aufhalten. Er blickte zu dem Hügel auf der anderen Seite des Flusses hoch. »Beeilt euch«, schrie er den schwitzenden Männern zu. »Die Amerikaner kommen!« Dann ging er zu seinem Gefechtsstand zurück. Es war ein trübseliger Tag, und Bratge war deprimiert.
Dann tauchte Major Scheller auf, der neue Kampfkommandant von Remagen. Bratge nahm an, daß Scheller die versprochenen Verstärkungen mitgebracht habe, und fragte, wo sie seien. Scheller erwiderte, er habe keine Ahnung, wovon der Hauptmann spreche; Schellers einzige Sorge waren die Vorbereitungen für die Sprengung. Etwa sechzig Sprengladungen waren in die Brücke eingebaut worden. Gegen Mittag begannen die beiden, die Ladungen mit einem Hauptkabel zu verbinden. Der Zündapparat befand sich im Tunnel am Ostufer.
Etwa zur gleichen Zeit passierte die Einheit Engeman Bierresdorf, ein kleines Dorf fünf Kilometer vor Remagen. Dann drehte sie fast genau nach Osten ab, hinein in die Wälder auf dem Plateau oberhalb des Rheins. Sergeant Carmine Sabia vom ersten Zug der A-Kompanie kam die Totenstille verdächtig vor, und er gab mit seiner Maschinenpistole ein paar Feuerstöße ab. Die Kolonne hielt; mit neun Männern der A-Kompanie kletterte Sabia aus seinem Schützenpanzer. Sabia hielt sich an die Straße. Es war etwa 13.00 Uhr, als die Gruppe eine Stelle erreichte, wo die Straße scharf nach rechts abbog, und da bot sich ihm ein großartiges Bild: tief unter ihm lagen der Rhein und die Stadt Remagen. »Jesus, seht euch das an!« schrie er; dann stand er sprachlos da. Schließlich fragte er den Mann, der neben ihm stand:»Haben Sie eine Ahnung, welcher verdammte Fluß das ist?«
Staff Sergeant Joseph De Lisio rannte nach vorn, um festzustellen, warum es nicht weiterging. Als er den Strom sah, blieb ihm das Wort im Halse stecken; auch er war von der Schönheit dieses Anblicks überwältigt.
Jetzt kamen der Kompaniechef, Oberleutnant Karl Timmermann, und der Zugführer Emmert Burrows angestürmt. Sie nahmen die Brücke mit ihren Ferngläsern unter die Lupe und sahen Kühe, Pferde, Soldaten und Fahrzeuge hinüber ziehen.
Burrows rief seine Granatwerfergruppe: »Baut das Ding auf und setzt ein paar dazwischen.« Aber Timmermann entschied, daß dies ein Fall für Panzer und Artillerie sei. Er durfte jetzt keinen Fehler begehen, denn erst gestern hatte er den Befehl übernommen. Mittlerweile war die Einheit Prince, ohne auf Widerstand zu stoßen, nach Südosten marschiert, von den deutschen Zivilisten überall mit weißen Fahnen empfangen. Wenige Kilometer westlich des Rheines drehte sie unvermittelt nach Süden ab und stieß so unerwartet über die Ahr hinweg nach Sinzig hinein, so daß die in betonierten Stellungen sitzenden Verteidiger völlig überrascht wurden. Rund 300 Soldaten wurden gefangengenommen. Leutnant Fred De Rango vernahm die Einwohner; einer sagte, daß die Ludendorff­Brücke um 16.00 Uhr gesprengt werden solle. De Rango schickte einen Melder zu Hoge, dessen Gefechtsstand sich jetzt in Bierresdorf befand, und versuchte außerdem, die Einheit Engeman direkt über Funk zu erreichen. Als keine Verbindung zustande kam, brach De Rango mit einem Zug in Richtung Brücke auf, in der Hoffnung, die Sprengladungen noch rechtzeitig entfernen zu können.
Engeman befahl der A-Kompanie, zu Fuß in Remagen einzudringen; die C-Kompanie sollte wenige Minuten später mit Halbkettenfahrzeugen folgen.
.....
Auf der anderen Seite des Flusses taumelte Hauptmann Friesenhahn, immer noch angeschlagen, in den Eisenbahntunnel, der in den steilen Felshang gesprengt war. Er sah Bratge am Tunneleingang stehen und keuchte: »Die Amis sind in der Möbelfabrik!«
»Dann jagen Sie die Brück hoch«, verlangte Bratge aufgeregt.
Friesenhahn zögerte. Noch vor einer Stunde hatte er Scheller gedrängt, ihn die Brücke sprengen zu lassen; aber der Major hatte nachdrücklich auf Hitlers Befehl verwiesen, jeden vor ein Kriegsgericht zu stellen, der eine Rheinbrücke zu früh hochgehen ließ. »Major Scheller hat den Befehl zu geben«, antwortete Friesenhahn.
Feldwebel Rothe war gerade von der Brücke gekrochen und wurde in den Tunnel gebracht. Ja, die Amerikaner säßen am anderen Brückenende. Bratge wurde ungeduldig; er sagte Friesenhahn, daß er die Angelegenheit jetzt selbst in die Hand nehmen werde. Er ging zu Schellers Gefechtsstand am anderen Ende des Tunnels, knapp 500 Meter entfernt. Den Gleisen entlang tastete er sich durch die Dunkelheit; immer wieder wurde er von Leuten aus der Stadt aufgehalten, die hier Schutz gesucht hatten. Schließlich kam er zum rückwärtigen Tunnelausgang, nur wenige hundert Meter von Erpel entfernt. »Wir müssen die Brücke sprengen!« schrie er zu Scheller hinüber - die Amerikaner säßen schon in der Möbelfabrik.
Scheller dachte an Hitlers Befehl und zögerte.
»Wenn Sie den Befehl nicht geben wollen«, schrie Bratge wütend, »gebe ich ihn!«
Der Major seufzte, dann sagte er: »Also gut, jagen Sie sie hoch.« Bratge tappte durch die Finsternis zurück. Als er Friesenhahn sah, rief er: »Sprengen Sie die Brücke!«
Friesenhahn zögerte. Dann kniete er sich neben den Zündkasten - von hier gingen Kabel zu den mehr als sechzig Sprengladungen, die über die ganze Brücke verteilt waren, packte den Schlüssel, der aussah, als gehörte er zu einer altmodischen Uhr, und drehte ihn um. Bratge hielt den Atem an. Er wartete auf die Explosion, die nicht kam. Friesenhahn drehte wie verrückt am Schlüssel - ohne Erfolg. Die Hauptleitung mußte unterbrochen sein, vermutlich durch eine amerikanische Granate. Er schickte ein paar Leute los; aber am Tunneleingang wurden die Männer von einem Hagel von Panzergranaten empfangen. Friesenhahn erklärte seinen Unteroffizieren, er brauche einen Freiwilligen, der die Notladung - 300 Kilogramm Donarit - unmittelbar unterhalb der beiden Türme am Ostufer mit der Hand zünde. Die Männer schwiegen. Schließlich meldete sich ein Feldwebel - er hieß Faust: er wolle es versuchen. Um 15.35 Uhr kroch er im Feuer der amerikanischen Maschinengewehre aus dem Tunnel und rannte los. Bis zu dem Stelle, wo die Sprengladung angebracht war, waren es etwa achtzig Meter.
Auch Friesenhahn rannte aus dem Tunnel; er wollte sehen, was draußen vorging. Eine Granate detonierte, und er sprang in einen Trichter. Als er vorsichtig über den Trichterrand spähte, sah er den Feldwebel zurückkommen. Auch mit der Notladung hatte also irgend etwas nicht geklappt. Er fluchte - er dachte gar nicht mehr daran, daß eine Zündschnur ja erst abbrennen muß. Dann hörte er die Explosion; Balken wirbelten durch die Luft.
Hoge nahm lediglich ein entferntes Geräusch wahr, aber als er sah, wie die Brücke sich in die Luft hob, war er überzeugt, daß nichts mehr zu machen war. Er war enttäuscht, aber auch ein wenig erleichtert, weil ihm so eine schwierige Entscheidung erspart blieb. Aber als der Qualm sich verzogen hatte, stellte er verwundert fest, daß die Brücke immer noch stand. Er sprang in seinen Jeep und fuhr nach unten: Engeman solle sofort die ganze Kampfgruppe über den Fluß werfen.
Auch Leutnant Timmermann sah, wie die Brücke sich bewegte und brüllte: »Da schaut! Wir können nicht mehr hinüber; gerade ist sie gesprengt worden!«
Dann schrie jemand: »Sie steht immer noch!«
Als Bratge erfuhr, daß die Amerikaner über die Brücke kämen, rannte er zu Scheller zurück: er brauche Pioniere für einen Gegenangriff. Scheller war es recht, und der Hauptmann lief wieder zum Tunneleingang, wobei er alle Soldaten mitnahm, denen er unterwegs begegnete. Als er schon fast bei der Brücke war, kam ein Feldwebel mit der Meldung, Scheller und zwei weitere Offiziere seien verschwunden. Bratge beschloß, selbst wieder das Kommando zu übernehmen.
Er versuchte, seine Männer auf eine Anhöhe zu führen, von der aus die Brücke einzusehen war; aber das Gewehrfeuer der Amerikaner, die die Brücke schon überquert hatten, trieb sie zurück. Bei den Zivilisten im Tunnel machte sich die Angst breit; sie verlangten von Bratge, er solle den Kampf einstellen, und versuchten sogar, den Pionieren die Waffen wegzunehmen. Bratge versammelte die übriggebliebenen Offiziere - Friesenhahn und drei Leutnants - um sich. Er erinnerte an einen Befehl Hitlers: »Wer kämpfen will, auch wenn es sich nur um einen einfachen Soldaten handelt, kann dem anderen Befehle erteilen.« Und dann fragte er: »Möchte einer von Ihnen den Kampf fortsetzen? Wenn ja, kann er das Kommando übernehmen.«
Niemand antwortete.
Ein Trupp Zivilisten mit einer weißen Fahne drängte nach vorn. Bratge wandte sich an seine Soldaten: »Ich befehle die Einstellung des Kampfes. Ich fordere Sie auf, sämtliche Waffen zu zerstören und den Tunnel zu verlassen.«
Noch hatte General Hitzfeld, dem das Gebiet von Remagen unmittelbar unterstellt war, keine Ahnung von der Eroberung der Brücke; auch sein Vorgesetzter, Zangen, der vorausgesehen hatte, wie die Dinge laufen würden, wußte von nichts. Und ebenso ging es Zangens Vorgesetztem, Model, dessen Hauptquartier gerade verlegt wurde. Models Operationschef, Günther Reichhelm - mit 31 Jahren vermutlich der jüngste Oberst der deutschen Wehrmacht -, war mit einer Vorausabteilung schon östlich des Rheins eingetroffen. Was bei Remagen geschehen war, erfuhr Reichhelm zufällig von einem Offizier Rundstedts. Model oder dessen Chef des Stabes waren nicht zu erreichen: also mußte er selbst etwas unternehmen. Schließlich bekam Reichhelm General Wend von Wietersheim, den Kommandeur der 11. Panzerdivision in Bonn, ans Telefon: Er solle sämtliche verfügbaren Einheiten zusammenziehen. »Unterstellen Sie alles Ihrem Befehl. Sie sind für die Operation verantwortlich.« Wietersheim war einverstanden, aber er besaß keinen Treibstoff, um seine 4000 Soldaten, 25 Panzer und 18 Geschütze nach Remagen zu bringen.

 

Toland, John: Das Finale, München/Zürich 1968, S. 164 - 175