Rhein-Hunsrück-Zeitung / Nr. 179, 5. August 1999, S. 18

Kunst schafft ständig neue Dimensionen

Anke Crezelius und Anneliese Geisler stellen bei den Treidlern aus

St. Goar Mit Anke Crezelius und Anneliese Geisler geben zur Zeit zwei engagierte Künstlerinnen bei den „Treidlern“ auf Burg Rheinfels einen Einblick in ihr Schaffen. Gemeinsam ist beiden, dass sie die uns umgebende Welt neu erfahren und gestalten, dabei aber zugleich in neue überraschende Dimensionen vorstoßen. Trotz der gemeinsamen Leidenschaft, die alltäglichen Dinge zu erfahren und ins Bewußtsein des Betrachters zu rücken, kann die künstlerische Aufarbeitung der Außen- und Innenwelt in ihrer Darstellung kaum widersprüchlicher sein.

Anneliese Geisler ordnet die Dinge, die sie malen will, erst einmal nach ihren Vorstellungen. Sie selbst bekennt, dass alle Dinge so wie sie sie malt, vor ihr gelegen haben. Sie muss sie sehen, anfassen und riechen können. Kein Wunder, dass sie somit als Genre das Stilleben bevorzugt. Dabei sind ihre Bilder appetitanregend, dies nicht nur im übertragenen Sinne. Die Forellen sind bereits geräuchert, zum Käse und Brot gehört der Rotwein. Die auf den ersten Blick willkürliche Anordnung von Gemüse, Obst, Flaschen und Krügen verblüfft immer wieder durch einen inneren Zusammenhang, halten gerade durch ihre Leichtigkeit glückliche Momente fest.
In letzter Konsequenz verselbsständigen sich gerade durch die perfelte Beherrschung der Darstellungstechnik in den Bildern von Anneliese Geisler die Dinge, lösen sich aus ihrem natürlichen oder auch konstruierten Zusammenhang. Der Einfluss japanischer Ästhetik wird spürbar. Es dürfte interessant werden, die Entwicklung der Künstlerin in den nächsten Jahren in Richtung einer abstrahierenden Darstellung zu verfolgen.

Anke Crezelius hat diesen Schritt bereits vollzogen. Bei ihr lösen sich die dargestellten Räume in Farben und Formen auf. Ausgangspunkt bleibt noch weitgehend die reale Welt, aber nicht mehr die kleinen und alltäglichen Dinge werden neu beleuchtet, sondern die Bilder stoßen vor in neue Dimensionen der Sichtweise. Der Betrachter wird sich weitgehend selbst überlassen, wird gefordert, seine eigene Interpretation zu leisten. Die gesetzten Titel der Bilder können dabei nur einen Denkanstoß geben. Metallene Anklänge an Propeller und Maschinen öffnen und versperren zugleich den Blick ins „Weltall“, zeigen Unendlichkeit und ängstliche Bedrohung. So dringt man nicht mehr in die „Schlucht“ ein, sondern erhebt sich aus ihr oder wird in sie hineingedrückt. Starke Farbkontraste und das kräftige Gegeneinander von Hell und Dunkel in den Bildern von Anke Crezelius verstärken in bewußt provozierender Art die Auseinandersetzung mit den uns umgebenden Räumen.

Jürgen Helbach